Ich erinnere mich genau an die Europapremiere von Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Damals war ich für Elbenwald dabei und habe vor dem Filmstart mit etlichen Fans – inklusive Kaddi a.k.a. Coldmirror – über das neue Spin-off gequatscht. Und deutlich gespürt: Die haben alle Bock auf den Film! Man konnte die Sehnsucht nach der guten, alten Harry-Potter-Magie förmlich spüren. Und ich glaube, Phantastische Tierwesen hätte diese Sehnsucht wirklich erfüllen können. Leider kam es ganz anders. Dafür gibt es viele Gründe, doch meiner Meinung nach ist die Reihe schon einen Monat vor Kinostart gescheitert.
Ein Versprechen ohne Fundament
Am 13. Oktober 2016, einen knappen Monat vor der Weltpremiere, verkündete J.K. Rowling auf einem Fan-Event, dass fünf Phantastische-Tierwesen-Filme geplant seien! Dieses Statement überraschte nicht nur Fans, sondern auch die Verantwortlichen bei Warner. Die hatten zu dem Zeitpunkt lediglich kommuniziert, dass ein zweiter Teil in Entwicklung sei. Intern hatten selbst Leute ganz weit oben keinen Plan, wie Regisseur David Yates 2023 bestätigte: "Dass es fünf Filme geben würde, kam für die meisten von uns überraschend. Jo hat das einfach beiläufig erwähnt. Niemand hatte uns das mitgeteilt."
Diese beiläufige Aussage zu einem so frühen Zeitpunkt konnte damals alles sein: Ein Versprechen an die Fans. In diesem Sinne vielleicht sogar ein Grund zum Jubeln. Oder aber auch ein Zeichen von Hybris. Mit dem heutigen Wissen würde ich sagen: Es war der initiale Stolperstein, der das Projekt zum Scheitern verurteilte. Und das, obwohl der erste Film eigentlich super war!
Das fundamentale Identitätsproblem
Für mich gibt es so viel, das in Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind funktioniert. Ich finde es großartig, die komplett andere magische Welt der USA mit ihren 1920er-Vibes zu erleben. Die Hauptcharaktere sind so sympathisch, dass ich gar nicht sagen kann, wer mein Favorit ist: Newt Scamander, Jacob Kowalski oder doch Queenie Goldstein? (Es ist Jacob!) Nicht zu vergessen die namensgebenden Tierwesen, die dem Film einen Hauch von gar nicht mal unpassender Pokémon-Magie verleihen. Ja, Newts Geschichte ist witzig, spannend – und in sich geschlossen! Hätten sie danach aufgehört, alles wäre gut gewesen.
Aber so war es ja nicht. Denn Phantastische Tierwesen hat noch den Subplot mit Credence und Percival Graves, der sich wie ein komplett anderer Film anfühlt. Statt Magie und Leichtigkeit herrscht hier düstere Tristesse, die stellenweise in Horror umschlägt. Dieser Bruch lässt die Frage aufkommen: Ist der Film jetzt für Kinder und Familien, die Niffler sehen wollen? Oder für Erwachsene mit Interesse an düsteren Polit-Dramen? Das und der Twist in letzter Minute, also die Enthüllung Gellert Grindelwalds, hinterlassen bei mir den Eindruck, dass das alles schnell implementiert wurde, um weitere Filme zu rechtfertigen.
Okay: Eine Filmreihe über Grindelwalds Aufstieg klingt schon geil! Aber für diese Geschichte braucht man keinen verschrobenen Magizoologen mit lustigen Tierchen. Die Entscheidung, für weitere Filme an dem locker-lustigen Ensemble festzuhalten, war der vermutlich größte Fehler des Phantastische-Tierwesen-Franchises. Es steigert das Identitätsproblem ins Unermessliche, wenn man den sozial verpeilten Newt gegen den Hitler der magischen Welt antreten lässt, während die Tierwesen eigentlich nur noch im Titel stattfinden.
Narratives Chaos und Panikreaktionen
Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen hatte aber mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. Das Drehbuch war derart überfrachtet, dass selbst ich Probleme hatte, der komplizierten Handlung zu folgen. Die Flut an Subplots, Nebenfiguren und Worldbuilding machte überdeutlich, dass Rowling eine tolle Buch-, aber noch lange keine Drehbuchautorin ist. So holte Warner für den dritten Teil den Harry-Potter-Veteran Steve Kloves zurück – der die Reihe aber auch nicht retten konnte.
Dazu kamen seltsame Entscheidungen und Lore-Änderungen. Die kurze wie unnötige Rückkehr nach Hogwarts samt ikonischer Musik wirkte wie ein billiger Nostalgie-Köder, der noch dazu andere Probleme verursachte. Etwa der Auftritt Professor McGonagalls, die nach damaliger Lore eigentlich noch gar nicht geboren war. Warum Voldemorts spätere Schlange Nagini unbedingt als Mensch gezeigt werden musste, ist mir ebenso schleierhaft wie Queenies plötzlicher Wechsel auf die Seite der Faschisten.
Am Ende war Grindelwalds Verbrechen ein zäher wie teurer Film, der weder Kritiker noch Fans überzeugte und auch noch weniger einspielte als Phantastische Tierwesen. Also musste man für den nächsten Film, Dumbledores Geheimnisse, eine Entscheidung treffen: Weiter nach Plan? Die Fehler vernünftig aufarbeiten? Oder lieber panisch zurückrudern, Elemente und Figuren aus dem Vorgänger kommentarlos fallen lassen, die Sache mit dem Bluteid nicht wirklich erklären, Credence vom Bruder zum Neffen machen und Queenies vorherige Handlungen nicht weiter hinterfragen? Die Macher entschieden sich für Letzteres.
Der PR-Albtraum hinter den Kulissen
Neben den erwähnten Problemen entglitt das Projekt auch abseits der Kamera. Das prominenteste Beispiel ist natürlich Johnny Depp. Zugegeben, vielleicht hätte man den Schauspieler nicht verpflichten sollen, bevor die Sache mit seiner Ex-Frau Amber Heard ausgestanden war. Als Depp dann auch noch seinen Verleumdungsprozess verlor, wurde er gebeten, seine Rolle abzugeben; seine vertraglich zugesicherte Gage für den dritten Film kassierte er trotzdem. Aus heutiger Sicht ist das dreifach bitter:
- Depp war als Grindelwald super.
- Die Verpflichtung eines weiteren Stars trieb die Kosten noch mehr in die Höhe.
- Es gab keine In-Universe-Erklärung für Mads Mikkelsens Grindelwald.
Jetzt, wo Depp seinen Ruf wiederhergestellt hat und sein Hollywood-Comeback feiert, kann man nur sagen: Hätte man sich sparen können.
Das ist bekanntlich nur die Spitze des Eisbergs. Dazu kamen die anhaltenden Kontroversen um J.K. Rowlings politische Äußerungen sowie die Eskalationen rund um Ezra Miller. Wären die Phantastische-Tierwesen-Filme allererste Sahne und finanziell erfolgreich gewesen, hätte das die Echtweltprobleme abfedern können. So aber brachten sie das ohnehin bröckelnde Konstrukt zum Einsturz.
Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen
Die Kernmarke Harry Potter bleibt von all dem weitgehend verschont. Das Jubiläumsspecial Return to Hogwarts war ein großer Erfolg, das Videospiel Hogwarts Legacy ging komplett durch die Decke und das Theaterstück Das verwunschene Kind läuft bis heute – und macht sogar Schlagzeilen mit der Verpflichtung von Stars wie Tom Felton und Rupert Grint. Und mit dem anstehenden Start der HBO-Serie wird jetzt sowieso ein neues Kapitel aufgeschlagen, in dem die Phantastische-Tierwesen-Reihe keine Rolle mehr spielt.
Ich bleibe dabei: Wäre Phantastische Tierwesen ein in sich geschlossenes Spin-off gewesen, Fans und Macher wären heute glücklicher. Statt voreilig fünf Filme anzukündigen, hätte man abwarten sollen, wie Newts Abenteuer ankommt, was eine Fortsetzung oder ein ganz anderes Spin-off ja nicht verhindert hätte. Und wer wirklich Grindelwalds Geschichte erzählen will, der hätte genau das tun sollen. Mit einer eigenen Filmreihe. Und ohne Newt Scamander.
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